Präfix – Kapitel 61

Er kann nicht weiterschlafen, er kann nicht aufstehen. Seine Arme und Beine drücken schwer in die Matratze, sein Körper fühlt sich an als wöge er Tonnen. Er ist gelähmt, spürt nichts mehr als dieses gigantische Gewicht, das auf seinem Körper lastet. Im Gegensatz zu dessen Stillstand, rasen seine Gedanken. Überschlagen sich, sammeln sich, um dann zu zersplittern, sich neu zusammenzusetzen und zu zerfließen. Er bekommt Kopfschmerzen davon und ihm wird übel von der Geschwindigkeit. Und trotz des andauernden Gedankenstroms, ist er kaum in der Lage auch nur einen hervorzufischen und genauer zu betrachten. Die Bilder von den Menschen, die ihm was bedeuten ziehen vorbei, Menschen, die ihm weh getan haben, Menschen, die Meda gequält haben, die ein kleines Kind in den Wahnsinn treiben. Und immer wieder steht er vor einem Spiegel und sieht dabei zu, abgehalten durch die Spiegelgrenze einzugreifen. Und dann greifen seine Hände zu Messern. Kleine Hände, die sich um einen viel zu großen Griff schließen. Er tut weh in der Hand. Das Messer ist zu schwer, doch die Hand liegt krampfhaft darum und durchsticht den Spiegel, durchsticht Haut, ritzt weiches, junges Fleisch. Blut strömt. Gedanken strömen, das Bild verschwindet und er vergisst. Neue Bilder, neue Laute, Stimmen, Schreie, Kreischen. Stille. Verdammte Stille, Stille die erstickt. Sie dringt in die Atemwege ein und füllt die Lungen aus, so dass kein Sauerstoff mehr aufgenommen werden kann. Dann Atmen. Nicht der eigene, andere atmen, andere sind da, andere starren. Die Blicke tuen weh, sie ritzen die Haut schmerzhaft auf. Weinen, Kinderweinen. Die Frage nach dem Warum. Blut überall Blut. Der Geruch, Schreie. Er schmeckt Salz, Salz und Eisen. Und plötzlich kann er wieder Luft in die Flügel ziehen und flüssig dringt Blut mit ein. Er muss husten, verschluckt sich, ist glücklich trotz des Geschmacks wieder da zu sein. Sehen kann er noch immer nicht. Die Stille hat sich auf die Augen ausgebreitet, absolute Dunkelheit. Rote Haare, verbrannte Haut. Ein hässliches Lächeln. Kleine, volle Lippen, die den Blick auf wunderschöne weiße Zähne frei geben, ein bösartiges Grinsen wandelt sich in ein liebevolles Lächeln. Sie hatte nicht gelogen, sie hat ihm ihr Herz geschenkt um ihm seines aus der Brust zu reißen.

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