Der Junge und der Nordwind

»Erzähle mir eine Geschichte – so wie früher.«
Hoch im Norden, das Wetter ist rau und das Land wild. Die Haut der Menschen dort ist weiß wie der Schnee, der sie umgibt und hart wie der kalte Fels. Ihre Haare sind schwarz wie die Rinde alter Bäume, ihre Augen silbergrau wie der von Wolken behangene Himmel. Ihr Atem ist Schnee, ihre Worte wie das Rauschen des Windes, der über das Land streicht. Ihre Kleidung ist aus dem Pelz von Wölfen und Bären. Sie schmücken sich mit Eisblumen und Raureif.
In dieses Land der Geister kommt ein Junge. Sein Weg ist lang und beschwerlich. Seine Fußstapfen werden vom Wind, kaum hatte er das Bein gehoben, hinweggeweht. Seine Glieder schmerzen, als staken Eiszapfen in ihnen und bald glaubt er auch sie seien hart gefroren und müssten bald in der Bewegung brechen. Sein Atem vereist und fällt als Schnee zu Boden. Er weiß nicht mehr, ob er dem richtigen Weg folgt, hat ihm der Schneesturm doch die Sicht und die Orientierung geraubt und die darauf folgende Windstille tut ihr übriges. Er möchte weinen vor Wut, doch kann er nicht und so schreit er, doch die Kälte hat ihn seiner Stimme beraubt und schlägt er auf den Boden, so erwartete ihn kein Widerstand und so ist er verzweifelt und die Verzweiflung kann nicht aus ihm heraus. Sein Herz schlägt so hart gegen die erkalteten Rippen, dass er fürchtet sie würden bersten, als ein Wind sich regt und aus einer aufgewehten Schneewolke formt sich eine menschliche Gestalt.
›Was suchst du hier, Menschlein?‹ und die Stimme klingt wie das Rauschen von Winterwäldern.
›Ich suche den Nordwind.‹
›Wie wichtig kann dein Anliegen sein, dass du den Tod in kauf nimmst?‹
›Es ändert nichts, ob ich hier vor Kälte oder zu Hause vor Hunger sterbe. Der Nordwind stahl mir zu oft das Mehl aus der Schüssel. Wenn uns jetzt auch noch der Wind bestiehlt, werden wir verhungern.‹
Auf dem Gesicht der Gestalt ist keine Gefühlsregung zu erkennen, doch dann streckt sie dem Jungen ihre nackte Hand entgegen, die aus dickem Fell ragt. Der Junge, dem Tode nahe, nimmt sie und wird durchdrungen von Wärme und Kraft.
›Folge dem Weg und du wirst deinen Übeltäter finden.‹
Und tatsächlich tut sich vor ihm ein Weg auf und als er sich bei der Gestalt bedanken will, ist sie verschwunden.
Der Weg ist lang und doch wenig beschwerlich, ihm ist warm ums Herz und um die Glieder. Er führt auf eine weite Ebene und in der Mitte, kaum erkennbar steht eine Gestalt. Wie aus Wolken ist ihr Kleid, die Augen dunkel, wie die dunkelste Nacht, durchdrungen von funkelnden Sternen, ihre Haut ist strahlend weiß wie der Schnee und ihr Haar fließt wie ein eisiger Gebirgsbach über ihre nackten Schultern und scheint immerzu neue Gesichter zu Bilden und wieder verschwinden zu lassen.
›Bist du der Nordwind?‹
Die Augen richten sich auf den Jungen.
›Ich fordere von dir das Mehl zurück, das du gestohlen hast. Wir werden verhungern, wenn uns jetzt auch noch der Wind bestiehlt.‹
›Ich habe dein Mehl nicht mehr.‹ die Stimme klingt nach zerspringenden Eiszapfen. ›Doch möchte ich dir dafür etwas anderes geben.‹
Eine Windböe deckt vor ihm eine hölzerne Schale auf.
›Bist du demütig und weißt dich zu Mäßigen, so wird sie dir immer ein gutes Mahl bereiten, wann immer du es wünscht. Nur eins–‹ der Junge schaut in diese Weltenaugen. ›Ich nahm dir zwei Schüsseln Mehl und gebe dir Essen für dein Leben lang. Deine Mutter backt ihr letztes Brot. Wenn du zu Hause ankommst, öffne die Fenster damit ich den Duft mit mir nehmen kann.‹
Der Junge verspricht dem Nordwind zu tun was er verlangt und so geht er nach Hause. Seine Mutter wartet am Herd, im Ofen backt das letzte Brot vor sich hin und durchdringt die Luft mit seinem Geruch und er öffnet alle Fenster, dass er vom Nordwind aufgesaugt werden kann. Seine Mutter weint, aus Freude ihren Jungen wieder zu sehen und aus Trauer über das letzte Brot und über den kommenden Irrsinn ihres Kindes.
›Sieh Mutter, was ich habe.‹
Er stellt die hölzerne Schale auf den Tisch und wie seine Mutter ihn verwundert anschaut, füllt sich das Geschenk mit Nahrung. Der Junge kramt nach Löffeln und drückt einen seiner Mutter in die Hand und meint sie solle essen.
Und wie der Nordwind versprochen hat, schenkt er ihnen für ihr Leben lang Nahrung, doch wie lang das Leben wehren sollte, darüber hat er nichts gesagt. Und wie die Mutter und das Kind glücklich aus der Schüssel essen, werden sie seit langer Zeit einmal wieder wirklich satt. Ihnen ist warm trotz der geöffneten Fenster und so schlafen sie ein und wachen nie mehr auf. Der Nordwind macht aus ihnen eisige Statuen und lächelt ob seines bösen Streiches. Und die Schale nimmt er wieder mit sich.
Frei nach dem norwegischen Märchen »Der Junge, der vom Nordwind das Mehl zurückhaben wollte«

…und in gesprochener Form:

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